Auf, auf zum Tanz!

2–3 Minuten

Zwischen Klassenkampf und Rausch


Ich bin gerade in meiner Heimat im Urlaub und wenn ich mit den Menschen hier über mein zweites Zuhause spreche, haben sie meistens drei Bilder im Kopf, wenn es um das Berlin der Nachwendezeit geht: Der Berliner Bär, die Ampelmännchen und Techno. Meine Arbeit in der Berliner Club- und Technoszene hat mich politisch so stark geprägt wie keine andere Erfahrung, die ich gemacht habe. Prekäre Arbeitsbedingungen, überlange Schichten von bis zu 16 Stunden und der starke Druck durch Arbeitskolleginnen und Managementpersonal Drogen zu konsumieren, um den Anforderungen gerecht zu werden, wurden mir und meinen Peers als eine Art „Berliner Freiheit“ verkauft, die aber materiell in Prekarisierung endete. Von den Anfängen des Techno als schwarze Gegenkultur aus einer US-Arbeiterinnenstadt, wie Detroit, ist hier nicht mehr viel übrig geblieben.

Dabei war das nicht immer so. Im Berlin der Wendejahre war die frühe Clubszene tief von der Punkszene inspiriert. Die ersten Berliner Clubs entstanden in Hausbesetzungen leerstehender Ostberliner Industriebrachen und alles was selber zu schaffen war, wurde in Eigenregie aufgebaut. Man versprach sich Freiräume, in denen kein Konformitätszwang vorhanden war und wo sich jeder unabhängig von Klasse, Herkunft, Sexualität oder Geschlecht willkommen fühlen sollte. Davon könnte die moderne Technoszene kaum weiter entfernt sein. Egal ob im Tresor, ÆDEN, oder Berghain, sieht man hauptsächlich konventionell attraktive, junge, weiße und oftmals wohlhabende Menschen, die sich in ästhetischer Uniformität präsentieren. Es verschlägt viele junge Menschen nach Berlin, die den Traum haben hier der nächste große DJ zu werden. Clubs wurden effektiv zu einem Freiraum, für junge privilegierte Menschen, die sich ein weiteres Privileg nahmen, für das Andere kriminalisiert werden. Drogenkonsum wird als trendy Accessoire für ein kosmopolitisches Bürgertum zelebriert, während er viele weniger privilegierte Menschen in die Prekarität und Kriminalisierung treibt. Das ist natürlich kein vereinzeltes Phänomen, sondern spiegelt sich in allen Seiten des öffentlichen Lebens in Deutschland wieder, hier wird es nur besonders offensichtlich. Berlin ist längst nicht mehr, der Freiraum, den Viele darin sahen. Soziale und kulturelle Angebote, sind nur noch für diejenigen verfügbar, die es sich leisten können und Clubs sind mittlerweile keine Kollektive mehr, sondern gewinnorientierte GmbHs. Aus Gegenkultur wurde eine Zielgruppenlogik und aus Freiräumen eine institutionalisierte Selektion. Außerdem bot es sich für die Berliner Landesregierungen an, die Subkultur als Standortfaktor und Marketingtool, nach dem Motto „poor but sexy“ zu missbrauchen, um Gentrifizierung und Tourismus voranzutreiben, während die echten Freiräume durch Lärmschutzauflagen, steigende Mieten und Verdrängung plattgemacht wurden.

Die Lösung liegt auf der Hand, Clubarbeitende müssen sich gewerkschaftlich organisieren, um gegen die Ausbeutung, durch krasse Überstunden, Normalisierung von Ausbeutung und Drogenkonsum als Arbeitsbedingung im Betrieb vorzugehen. Das Recht auf Rausch, darf nicht auf dem Rücken, derer ausgetragen werden, die den Laden am Laufen halten. Es gilt den kapitalistischen Mythos der „coolen Clubkultur“ als das Marketinginstrument zu entlarven, was er geworden ist. Wer Subkultur als bloßen Standortfaktor begreift, treibt die Verdrängung voran. Und drittens reicht es nicht, die bestehenden kommerziellen Clubstrukturen zu reformieren. Wir müssen uns für den Aufbau neuer, unkommerzieller Freiräume einsetzen, die von Profitlogik und Klassenschranken befreit sind – Räume, in denen man nicht ‚konsumieren‘ muss, um dazuzugehören. Nur wenn wir diese Kämpfe verbinden, holen wir uns das zurück, was vom Versprechen der Wendejahre noch übrig ist: einen echten Freiraum für alle. Also auf, auf zum Tanz!

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