Was bedeutet „oppositional sexism“?

Queerfeminist:innen beim "Marsch für das Leben" in Berlin
2–4 Minuten

Sexismus, ein großes Wort, aber was ist das eigentlich? 

Die Feministin Julia Serano beschreibt zwei verschiedene Arten von Sexismus – einerseits traditionellen Sexismus: also die Annahme, dass Weiblichkeit und Femininität weniger wertvoll seien, als Männlichkeit und Maskulinität. Andererseits das, was sie „oppositional sexism“ nennt, auf deutsch „entgegengesetzten Sexismus“. Diesen Begriff definiert sie als den Glauben, dass weiblich und männlich zwei feste, gegensätzliche, sich gegenseitig ausschließende Kategorien sind, welche bestimmte, sich nicht überschneidende Eigenschaften, Einstellungen und Bedürfnisse beinhalten. Dadurch werden patriarchale Denkmuster und die Illusion eines binären Geschlechtssystems aufrecht erhalten. Gleichzeitig wird suggeriert, dass Geschlecht etwas Passives ist, auf dessen Auslebung wir keinerlei Einfluss haben. Es wird ein natürlicher Zustand konstruiert.

Verschiedene Diskriminierungsformen wie Transphobie oder Homophobie, sind Ausdrücke von „oppositional sexism“. 

In der Linksjugend ist Oppositional Sexism eine Art von Sexismus, welche uns immer wieder begegnet. Aussagen wie jene, dass trans Männer nicht misogyn vom Patriachat unterdrückt werden könnten, denn sie seien ja Männer, liegt die Annahme zugrunde, dass misogyn vom Patriachat unterdrückt zu werden mit Männlichkeit unvereinbar ist. 

Auch Räume, welche ausschließlich einem Geschlecht zugänglich sind, reproduzieren die sexistische Idee, dass Menschen nur ein Geschlecht haben können. Oft richten derartige Räume auch implizite Erwartungen an Teilnehmende, bestimmten Norm-Vorstellungen dieses Geschlechts zu entsprechen.

„Oppositional sexism“ kann dazu beitragen, dass Männer welche Gewalt erfahren nicht gehört werden. Denn oft wird das Potenzial Opfer zu sein mit Weiblichkeit gleichgesetzt und umgekehrt Männlichkeit mit dem Potenzial zur Ausübung von Gewalt. Dass auch Frauen in Machtpositionen Dominanztechniken gegen ihnen unterlegene Männer ausüben können, wird dabei oft unzureichend thematisiert, während an anderer Stelle das Wohlfühlen von weißen Frauen über die Anwesenheit von rassifizierten Männern priorisiert wird.

Ein anderes Beispiel sind Annahmen wie „Frauen mögen keine Pyrotechnik oder Vermummung“, die sich aber auch mit traditionellem Sexismus überschneiden. Einerseits wird davon ausgegangen, dass es eine Ästhetik gibt welche „für Frauen“ ist, wodurch Weiblichkeit wieder einige spezifische Eigenschaften zugeschrieben und sie darauf reduziert wird. Andererseits bauen solche Aussagen auf traditionellen sexistischen Assoziationen mit Femininität auf wie z.B. Fragilität und Behaglichkeit. 

Die Art und Weise wie mit verschiedenen Sozialisationen umgegangen wird, ist auch geprägt von der Annahme, dass weibliche Sozialisation und männliche Sozialisation sich ausschließen und beide mit verschiedenen, klar trennbaren Erfahrung einher gehen. 

Diese Vorstellung von Sozialisation wird teilweise genutzt um den Ausschluss von trans femininen Personen als angeblich männlich sozialisierten Menschen aus bestimmten Räumen zu rechtfertigen oder ihre Argumente und Thesen mit Verweis auf das ihnen bei der Geburt zugewiesene Geschlecht zu diskreditieren. Erfahrungen, die Menschen im Lauf ihres Lebens machen und die ihrer kindlichen Sozialisierung widersprechen, werden ignoriert. Auch ist nicht jede Sozialisation gleich: nicht alle vermeintlichen endo cis Jungen werden mit den gleichen, kulturell geprägten, Werten und Normen aufgezogen, gleichzeitig unterscheidet sich auch die Art und Weise wie bestimmte Formen der Sozialisierung verinnerlicht werden von Person zu Person. Die These, dass es überhaupt spezifisch weibliche oder männliche Erfahrungen gibt, ist Ausdruck von gegensätzlichem Sexismus.

Die Art und Weise wie wir aufgezogen wurden, prägt wer wir sind, doch wir sind unserer Sozialisation nicht ausgeliefert. Es ist die Aufgabe von uns allen unsere Annahmen, Verhaltensweisen und Erfahrungen zu reflektieren, und uns weiter zu entwickeln. 

Als Linksjugend sollten wir einen Blickwinkel auf Geschlecht einnehmen, der die Vielfältigkeit von Erfahrungen und die Fluidität unserer Identitäten anerkennt und begrüßt. Wir müssen uns gegen jeden Versuch stellen, Geschlechter als unveränderbare Kategorien mit festen Eigenschaften aufzufassen.

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