Meine vierjährige romantische Beziehung ist vor kurzem zu Ende gegangen und ich wünschte, ich könnte sagen, dass ich es nicht habe kommen sehen. Aber nach vielen schmerzhaften Gesprächen, zwischenmenschlichen Reibungspunkten und der halben Bibliografie von Alexandra Kollontai war der Zeitpunkt gekommen. Ich würde sagen, dass das Schlussmachen eine tiefere Art von Verständnis für die jeweils andere Person ermöglicht hat. Trotzdem bin ich traurig. Und glücklich. Und dankbar.
Im Patriarchat wird jede Trennung als ein Scheitern definiert, da die Beziehung nicht, den gesellschaftlichen Normen entsprechend, zur vollständigen wirtschaftlichen und sozialen Verflechtung zweier eigentlich voneinander unabhängiger Individuen eskaliert ist. Der fürsorgliche Akt, dass sich zwei Menschen gehen lassen, wenn die gemeinsame Beziehung ausgehalten werden muss wird in heteronormativen Beziehungen als persönliches Versagen kontextualisiert, auf einer Art, die auf die entsprechenden Geschlechterrollen zugeschnitten ist. Dadurch werden patriarchale Besitzansprüche wiedergegeben, die den (Ex-)Beziehungspartner weniger als eigenständigen Menschen begreifen, sondern als Erweiterung der eigenen Lebensplanung. Diese Beziehungsstruktur ist in erster Linie gefährlich für unsere FLINTA*-Genoss:innen, die sich bei Trennungen vor Gewalt und Femiziden fürchten müssen, aber sie erschwert es auch Männern, sich selbst als romantische Wesen zu erkennen, die Bedürfnisse nach sozialer Verbindung und kollektiver Identität haben, welche weit über eine patriarchal-männliche Hypersexualität und dem Abgeben von Sorgearbeit und emotionaler Regulation hinausgehen. Darüber hinaus werden damit alle Formen von Bindung, die nicht von monogamer, heterosexueller und romantischer Natur sind, abgewertet, um die bevorzugte Beziehungsform auf einen Podest zu stellen.
Es reicht nicht aus, das Private bloß zu politisieren, wir müssen auch aus dem Politischen Privates machen! Genossenschaft heißt auch die Basis des Zusammenlebens neu zu verhandeln. Kollontai drückt das in ihrem Essay Ein Weg dem geflügelten Eros! (Übersetzung aus Liebe und Sozialismus von Klasse gegen Klasse) treffend aus:
„Die neue kommunistische Gesellschaft baut auf dem Prinzip der Gemeinschaft und Solidarität auf. Solidarität ist nicht nur ein Bewusstsein für gemeinsame Interessen; sie hängt auch von den intellektuellen und emotionalen Bindungen ab, die die Mitglieder des Kollektivs verbinden. Damit ein soziales System auf Solidarität und Zusammenarbeit aufgebaut werden kann, ist es wichtig, dass die Menschen zu Liebe und warmen Emotionen fähig sind.“
Ich bin dankbar für meine Genossin, die mir geduldig den Warenfetischismus erklärt hat, ohne mich dabei dumm fühlen zu lassen. Ich erinnere mich an meinen Genossen aus meiner Basisgruppe, der nicht versucht hat, alles verstehen zu müssen, sondern mir einfach sein Beileid nach dem Plenum ausgesprochen hat und an meinen anderen Genossen, der mit mir Witze darüber gemacht hat, dass ich bitte nicht in die Manosphäre abdriften soll. Ich denke auch an meine Genossin, mit der wir gemeinsam am Grill standen, um die Mutterpartei zu bekochen und es sich so angefühlt hat als wären wir ein eingespieltes Team.
In einem System, das unsere Leiden individualisiert, uns atomisiert, mit Arbeit erdrückt und in Einsamkeit zurücklässt, ist politische Organisation eine der intimsten Überlebensstrategien. Man macht sich unausweichlich angreifbar und verletzlich, aber gewinnt dafür an Solidarität und gesellschaftlichem Halt. Die letzten paar Wochen haben mir gezeigt, wie zerbrechlich unsere individualisierten Welten sind und wie unersetzlich es ist, Strukturen zu haben, die einen nicht fallen lassen. Was könnte liebevoller sein, als das Eingeständnis, dass die eigene Befreiung unmöglich ist, ohne die Befreiung unserer Genoss:innen?


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